dresden-newspaper.de Alle Informationen rund um Dresden

Steuersünder Jens Lehmann

[Gesamt:0    Durchschnitt: 0/5]

Jens Lehmann hat fünf Gesichter, so schreibt er es auf seiner Homepage: Torwart, Trainer, Kommentator, Botschafter und Redner. Lehmann bestritt  insgesamt 61 Länderspiele für die deutsche Fußball-Nationalmannschaft, hält Reden vor Managern über die Kunst, sich selbst zu motivieren und engagiert sich für Unicef.

Doch er besitzt noch ein sechstes Gesicht: Steuersünder. Dem Handelsblatt liegt seine Akte aus dem Finanzamt München der Steuerfahndung vor. Die Beamten beschreiben auf über 100 Seiten, wie Lehmann mit „erhöhter krimineller Energie“ einen Trick nach dem anderen versuchte, um den Staat, dessen Nationalfarben er im Tor der deutschen Nationalmannschaft trug, zu hintergehen.

Er zahlte eine Geldauflage und Steuern nach, um eine Anklage abzuwenden. Juristisch gilt er damit weiterhin als unschuldig. Als ehrlich aber schon lange nicht mehr.

Die Bombe platzte 2012 per Zufallsfund. Das Hauptzollamt Speyer öffnete ein an Lehmann adressiertes Päckchen aus der Schweiz und fand Kontounterlagen der Bank Sarasin. Die Daten wurden der Steuerfahndung München übermittelt. Beim Abgleich stellte sich heraus, dass Lehmann Gelder nicht versteuert hatte.

Anschließend begann eine Recherche, bei der die Beamten viel über Lehmann lernten. Er war ein eigentümlicher Fußballprofi. Lehmann interessierte sich schon als junger Mann für Finanzen, an der Fernuni Hagen und Münster studierte er Wirtschaftswissenschaften.

Für seine Geldanlagen holte er sich den Rat von spitzen Leuten. Lehmann agierte also nicht unbedacht. Er habe vorsätzlich und nachhaltig gehandelt.

Einen Einblick in seine Gedankenwelt gewährt sein Buch „Der Wahnsinn liegt auf dem Platz“. Er sei in „Wahrheit sehr bescheiden“, schreibt er selber – und trotz seiner Millionengehälter nicht reich. 2003 wechselte Lehmann von Borussia Dortmund zu Arsenal London. Schon in seinem zweiten Jahr dort seien die Immobilienpreise so angestiegen, „dass ich mir ein Haus wie in Deutschland nicht leisten konnte“.

„Natürlich verdiente ich gut“, schreibt Lehmann. „Aber im Vergleich zu echten Londoner Spitzengehältern war es wenig. Wenn man sich den ausschweifenden Lebensstil der Scheichs aus dem Nahen Osten oder der Russen ansieht, die London bevölkern, lernt man Demut. Wie klein man doch als Fußballspieler sein kann, wenn man von einem solchen Reichtum umgeben ist.“

Dann nutzte Lehmann eine Gelegenheit. Anders als in Dortmund würden in London nur seine englischen Einkünfte versteuert, nicht aber die aus anderen Ländern, erklärten ihm seine Berater. Lehmann gründete zwei Gesellschaften auf der Kanalinsel Jersey.

Auf dieser Steueroase landeten Überweisungen von Sponsor Nike und des Deutschen Fußball-Bundes. Einmal angekommen, sollte Lehmann damit sogenannte weiße Einkünfte erzielen können. Ein Fachbegriff für Profite, die nirgendwo versteuert werden.

Dafür musste Lehmann die deutschen Finanzbehörden nur von etwas überzeugen: Nach seinem Wechsel zum FC Arsenal hatte er in Dortmund keine feste Adresse mehr. Wenn der Fiskus ihm das glaubte, würde Lehmann in Deutschland kaum Steuern zahlen müssen.

2003 vermietete Lehmann also sein Haus in Dortmund. Der Preis war ausgesprochen freundschaftlich. Für den 300 Quadratmeter großen Klinkerbau mit acht Zimmern und drei Bädern verlangte Lehmann ganze 1000 Euro im Monat. Das hatte einen guten Grund: Der Mieter sollte nie darin wohnen.

So kam es auch. Familienfotos der Lehmanns zeigen sie beim Grillen im Garten 2004, Geburtstagsbilder von Lehmanns Sohn 2005, eine Weihnachtsfeier 2006 – alles an der alten Dortmunder Adresse.

Als der Neumieter dann von der Staatsanwaltschaft vernommen wurde, verweigerte er die Auskunft. Er könne sich sonst selbst belasten, sagte er kleinlaut.

Er verriet aber, dass: Seinem Vermieter sei wichtig gewesen, in Dortmund stets ein Zuhause zu haben. Die Kinderzimmer der Lehmann-Jungen sollten unverändert gelassen werden.

Wie kommt so etwas zu Stande? Die Antwort liegt in der Familie. Lehmann „vermietete“ das Haus an den Mann seiner Schwiegermutter. Abgerechnet wurde später in bar. Im Spätsommer 2006 zum Beispiel schrieb Lehmann in sein Notizbuch: „€2000 an Guggy gegeben für 8/9 2006 Miete.“ Guggy war der Kosename seiner Schwiegermutter.

Dass Steuerfahnder seine Familienbuchhaltung jemals finden würden, hatte Lehmann offenbar nicht gedacht. Dabei war er durchaus bedacht. Als sein Vater, der zugleich Hausmeister der Dortmunder Bleibe war, eine Mail mit Einzelheiten über die Vorgänge im Klinkerbau schrieb, mahnte Lehmann ihn ab.

Solche Informationen haben weder in Mails noch etwas bei Telefongesprächen zu suchen. Lehmann hatte Angst, seine Kommunikation könne abgefangen werden. Noch ein Hinweis war ein Fax an seinen Immobilienmakler: „Namen sollen auf gar keinen Fall genannt werden!! … Ich bitte dich um größtmögliche Verschwiegenheit.“

2008 kehrte Lehmann dann zurück nach Deutschland und stand ab sofort im Tor des VfB Stuttgart. Dieses Mal fand die Steuerfahndung wieder außergewöhnliches: Die Lehmanns bekamen doppeltes Kindergeld. Die Zahlungen aus Dortmund liefen weiter, die Eltern stellten aber auch einen Antrag bei der Familienkasse Passau. In den nächsten fünf Jahren erhielten die schwerreichen Lehmanns laut Steuerfahndung ca. 20.000 Euro zu viel.

Sein Rechtsbeistand sagte, dass sich Lehmann legitim beim Einwohnermeldeamt Dortmund abgemeldet habe. Von den Fortsetzungen der Zahlungen des Kindergelds, die angeblich nicht auf sein Konto erfolgt seien sollen, habe Lehmann erst viel später erfahren. Zu guter Letzt zahlte Lehmann das Geld zurück.

Lehmann soll wohl 934.837 Euro an Steuern hinterzogen. Das fanden die Steuerfahnder heraus, nachdem Sie Fünf Jahre lang hinter Lehmann her waren. Mitte 2016 schickten sie ihren Bericht an die Staatsanwaltschaft München II. Nachdem die Staatsanwaltschaft den Sachverhalt prüfte, stellte sie einen niedrigeren, allerdings immer noch sechsstelligen Schaden fest. Lehmann zahlte diesen sowie zusätzlich eine Geldauflage. Anfang 2017 wurde das Verfahren dann eingestellt.

Mit so einer milden Strafe kommt nicht jeder davon. Wie der Bundesgerichtshof beschloss, sollen Steuersünder die mehr als 100.000 Euro hinterzogen haben, verurteilt werden. „Wenn jemand besondere Energie aufwendet, um Steuern zu hinterziehen, wirkt sich das grundsätzlich strafverschärfend aus“, sagte Klaus Bernsmann (Professor für Strafrecht an der Universität Bochum).

Allerdings spielt es eine große Rolle, welche Staatsanwaltschaft das Verfahren führt, die Unterschiede seien gewaltig. Bernsmann sprach: „Es gab Fälle im Ruhrgebiet, in denen wegen deutlich weniger als 500.000 Euro Steuerhinterziehung zu vollstreckende Haftstrafen verhängt wurden“. Auf die Person des Beschuldigten sollte es aber nie ankommen.“

Ein Anwalt der viele Steuersünder vertritt meint, dass es aber doch darauf ankommt. Wer zahlungskräftig genug ist,  um sogar einen massiven Steuerschaden zurückzuzahlen, könne entspannt in die Verhandlung treten.

Wer dazu noch eine hohe Geldauflage zahle, hat weit bessere Chancen die Staatsanwaltschaft und das Gericht zu einer Einstellung des Verfahrens zu bewegen, als ein Normalbürger. Hilfreich ist außerdem ein Verteidiger, der den Fall verkompliziert. Das Fazit des Juristen, der sich selbst zu dieser Kategorie der Rechtsvertreter zählt: „Es gibt eine Zweiklassenjustiz.“

Was sind denn die Folgen für die, die nicht die teuersten Anwälte an ihrer Seite haben? In Aachen erhielt ein Apotheker im Mai 2018 wegen Steuerhinterziehung von 240.000 Euro eine Freiheitsstraße von zehn Monaten auf Bewährung. Ebenso ein Gastwirt, der zwei Jahre auf Bewährung bekommen hat, wegen einer Steuerhinterziehung von 300.000 Euro. Selbst Eltern die doppeltes Kindergeld für ein Kind bezogen haben, wurden in Deutschland verurteilt.

Unter diesen Voraussetzungen könnte Lehmann also auf der Anklagebank sitzen. Lehmann steht momentan mehr vor der Kamera von RTL und analysiert Deutschlands Länderspiele anstatt Gefahr zu laufen sich einem Gericht stellen zu müssen.

Sehr vieles von dem, was Lehmann der Öffentlichkeit nicht preisgeben wollte, flog im Jahre 2012 auf. Eine weitere Geschichte ging gerade noch einmal gut, zumindest für Lehmann. Bei der Hausdurchsuchung seiner Villa am Starnberger See fanden Beamte einen Tresor ohne den dazugehörigen Schlüssel. Schlussendlich entschieden sich die Ermittler gegen ein gewaltsames Aufbrechen des Tresores und sicherten diesen mit mehreren Klebesiegeln.

Als die Beamten später wiederkamen um den Tresor in Lehmanns Anwesenheit zu öffnen, waren die Siegel beschädigt. Der Torwart zeigte, von den Beamten zur Rede gestellt, auf seine Söhne. Der unschuldige Lehmann erklärte, dass einer seiner Söhne das Siegel gebrochen habe. Schlussendlich fanden die Beamten nie heraus, ob in diesem Tresor nun etwas fehlte oder nicht.

PRESSEKONTAKT

wwr publishing GmbH & Co. KG
Steffen Steuer

Frankfurter Str. 74
64521 Groß-Gerau

Website: www.wwr-publishing.de
E-Mail : steuer@wwr-publishing.de
Telefon: +49 (0) 6152 9553589

von factum
dresden-newspaper.de Alle Informationen rund um Dresden

Archiv